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Vor der Jahrtausendwende wachsen die Endzeit-Ängste. Man glaubt, über eine Schwelle in ein neues Zeitalter zu gehen, während das alte mit seinen Krisensymptomen hinter einem zusammenbricht. Das symbolische Datum eines Kalenders, der sich durch die Kolonialisierung weltweit verbreitet hat, aber der nichtsdestoweniger willkürlich ist, was die Zählung der Jahre seit dem Punkt Null betrifft, zieht die Menschen in den Bann. Auch ohne Erwähnung des symbolischen Datums wähnen wir uns - was seit der Moderne, die sich selbst diesen Namen gegeben hat, zur permanenten Sorge oder Hoffnung wurde - in einer Situation des fundamentalen Umbruchs. War man bis vor kurzem aber im postmodernen Klima der nuklearen Bedrohung und der Grenzen des Wachstums in einem versperrten Horizont mit dem Blick nach rückwärts eingefangen, der höchstens Zeremonien des Abschieds zuließ, die Intellektuellen zur Predigt der Nachgeschichte und Verdammung des Rationalismus brachte, der Esoterik und anderen Heilslehren zur Konjunktur verhalf und ansonsten nichts Neues versprach, so scheint allmählich das Technoimaginäre das Bewußtein der Menschen zu ergreifen und für neue Utopien zu sorgen. Eingesperrt im Wrack des Raumschiffs Erde sehnt man sich nach einem unbelasteten und freien Raum, der die utopischen Energien bindet, weil er noch leer ist und mit allen Erwartungen gefüllt werden kann. Anders als von vielen prophezeit, wird der Raum im Zeitalter der Virtualität erneut zur Obsession.
Noch immer - und vielleicht angesichts der Globalisierung und Virtualisierung desto auffälliger und paradoxer - gehen Kriege und Bürgerkriege auch um die Macht über den geographischen Raum, und das nicht mehr primär wegen der lokalen Ressourcen oder der in Infrastruktur gebundenen wirtschaftlichen Macht. Man will, je einheitlicher die Weltkultur wird, die in alle Nischen eindringt, desto nuancierter unter sich sein, was immer auch dies bedeuten mag. Während regionale Kämpfe um Territorien für homogene ethnisch, religiös oder schichtenspezifisch basierte Gemeinschaften geführt werden, steht im Bewußtsein der Menschen aber auch das Ganze auf dem Spiel. Die wachsende Bevölkerung des Erdballs läßt altbekannte Ängste aufkommen, zu einem Volk ohne Raum zu werden, während das Ruinierungsprogramm der Biosphäre offenbar ohne große Kursänderungen weiterläuft und sich sogar nach dem Ende des Kalten Kriegs noch zu beschleunigen scheint, da nun viele Länder mit dem Instrument des Kapitalismus und der neuen Technologien den Entwicklungs- und Lebensstandard der westlichen Welt erreichen wollen und durch die Globalisierung der Ökonomie etwa lokal erzielte ökologische Standards niedergerissen werden, wenn sie nicht in Geld unmittelbar umgesetzt werden können. Die Zivilisation hinterläßt verbrannte Erde und zerstörte Städte. Die Phantasie, wie sie in den Science-Fiction-Filmen zur Geltung kommt, schwelgt in solchen unlebbaren Zonen besonders der urbanen Existenz, wie beispielsweise in Strange Days oder 12 Monkeys.
Probleme des Standortes, der mit dem Cyberspace und der dadurch erfolgenden Globalisierung unterspült wird, führen seltsamerweise wieder in die Geopolitik und in die geopolitisch verankerte Identität der Verlierer zurück. Standortsicherung heißt, daß es um Selbstbehauptung in einem begrenzten Raum geht, um ein Hier, um eine Insel, die gegen des Außen verteidigt werden muß. Überdies ist mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Staaten der Kapitalismus alternativen- und schrankenlos geworden, während gleichzeitig das jeweilige Reich des Bösen abhanden kam. Das Böse ist zerfleddert und siedelt sich im Inneren der Systeme an, zieht sich quer durch sie hindurch und wird durch Omnipräsenz unfaßbar. Ein Feind, der klar erkennbar im Reich des Bösen haust, schweißt die Menschen trotz aller Unterschiede zusammen, macht das jeweilige System in seinen Grundlagen unangreifbar. Verschwindet der äußere, identifizierbare Feind, dann taucht er von innen auf, breitet sich Angst, Unsicherheit und Lähmung aus, werden offenbar staatliche Regeln und Institutionen, die den sozialen Frieden durch Ausgleich wahren, als Unterdrückung der Individualität empfunden, verschwindet hinter der Individualisierung die Verpflichtung aufs Gemeinwohl.
Das Gefühl, an einer Schwelle zu stehen, wird mit der Wiederkehr des Raums buchstäblich, während man gleichwohl von Gemeinschaften träumt, in denen es sich in Frieden leben läßt. Davon träumen selbst die Kämpfer gegen die Technologie, die uns wieder in die Wildnis und deren große Räume zurückführen wollen. Der jetzt gefaßte Unabomber beispielsweise teilt die Hoffnung aller Netzeuphoriker auf neue, überschaubare Gemeinschaften, in denen der einzelne noch Geltung hat. Seine Attacke richtete sich gegen die anonymen Strukturen der Massengesellschaft des Industriezeitalters, um jenseits der großen Städte und Organisationen dem Individuum wieder Möglichkeit der Autonomie zu geben. Selbst wenn die "wilde Natur" und das in ihr wieder zur Geltung kommende Fleisch seine Utopie war, versuchte er die Idee der Frontier wieder zu beleben und damit die überall auch in der Cyberculture grassierende Obsession der individuellen Freiheit in einem offenen Raum.
Ebenso wie sich im Internet, der großen, globalen Spielwiese des Cyberspace, die Intranets mit ihren Firewalls immer mehr einschleichen und die freie Bewegung verhindern, aber gleichzeitig dessen Infrastruktur benutzen, propagiert man die absolute Freiheit der einzelnen, während die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche und damit deren Privatisierung und Überwachung voranschreitet und neue Grenzen schafft.
Die existentiellen Koordinaten des Raums sind Ein- und Ausschluß, innen und außen, das Eigene und das Fremde. Wenn man nicht überrollt werden oder nur reaktiv seine Grenzen bewahren und sichern will, dann scheint man die Richtung umkehren zu müssen: Man muß aufbrechen in neue Räume, die man kolonialisiert, denen man die eigenen Gesetze aufzwingen kann, die Freiheit, Reichtum und Abenteuer versprechen, die einen hoffnungsvoll vorwärts und in die Zukunft schauen lassen, die Orientierung verschaffen, was, zumindest traditionell, immer mit einer Trajektorie im Raum, mit Fortschritt, mit dem Verlassen des Cocooning verbunden ist.
Zwar hatten die europäischen Staaten in ihrer Vergangenheit eben diesen Ausgriff im Zeitalter des Kolonialismus und Industrialismus vollzogen, aber sie mußten sich nicht nur Schritt für Schritt zurückziehen, sondern stehen jetzt auch in Gefahr, ihre Vorherrschaft zu verlieren und von den einstmals beherrschten und ausgebeuteten Ländern überrundet zu werden. Der Sog hat bereits eingesetzt, der Kapital, Arbeitsplätze und Wissen aus den alten Ländern abzieht. Nur die herrschende Klasse in den USA scheint sich noch ungetrübt in ihrem Selbstverständnis auf das Zeitalter der Kolonialisierung zurückbeziehen zu können. Daher gedeihen hier besonders die Träume von der schönen alten Welt der "Frontier", von der Grenze, die es zu überwinden gilt. Anders als in Süd- oder Mittelamerika hat die Kolonialisierung hier ein neues, unbeschriebenes Land, God's own country, geschaffen, das sich durch die weitgehende Auslöschung der Einwohner und der selbst in der Verfassung eingeschriebenen Maxime, dem Glück der (einzelnen) Menschen offenzustehen, von der Rückbindung an die Herkunftsländer der Einwanderer befreit hat. Die geglückte Unterwerfung des amerikanischen Kontinents, die Unabhängigkeit von Europa, die Eroberung des Westens hat weiterhin für viele Vorbildcharakter. Das Überschreiten der Grenze, der Exodus der einzelnen und von Gruppen, der Ausbruch aus dem staatlichen Gefüge gehört zur Identität und ist trotz der Opfer weitgehend Bestandteil einer nationalen Erfolgsgeschichte geblieben - zementiert von der medialen Traumwelt, deren Geschichten stets die einzelnen oder kleine Gruppen wie bei den Western in den Vordergrund stellen müssen. Mit dieser Erfolgsgeschichte verbindet sich sogar für manche weiterhin ein geschichtlicher Auftrag der amerikanischen Nation.
Nur gibt es heute keinen Wilden Westen mehr, und der Globus ist klein geworden. Die hemmungslose Expansion stößt auf die Schranken der Natur, die nicht mehr Feind ist, sondern ein subtiles System, auf dessen Aufrechterhaltung das Überleben angewiesen ist. Nicht mehr ganze Nationen, sondern nur noch einzelne können Grenzen überwinden oder im Stil des Abenteuerurlaubs Entdeckungen im geographischen Raum der Erde simulieren. Daher verschmilzt die Suche nach einer neuen Grenze mehr denn je mit der Technik, in der Amerika einst führend war und die nicht nur neue Möglichkeiten auf der Erde geschaffen hat, sondern die der Menschheit auch erlaubt hat, erstmals den Weltraum und den virtuellen Raum zu betreten. Aber Amerika, das Land, in dem alles möglich sein soll, soll hier nur als Vorbild dienen, das die Konturen des Technoimaginären im sozialen Bereich auszeichnet.
1. Das Metaversum
Einen Vorschein auf das künftige Leben im Netz und dessen Rückwirkung auf die urbane Lebenswelt schildert der Science-Fiction-Roman "Snow Crash" (München 1994) von Neal Stephenson. Liest man "Snow Crash" zusammen mit den Ausführungen von Mike Davis über Los Angeles (City of Quartz, Berlin/Göttingen 1994, sowie: Urbane Kontrolle - die Ökologie der Angst, in S.Iglhaut, A.Medosch, F.Rötzer (Hg.): Stadt am Netz. Ansichten von Telepolis, Mannheim 1996), so gewinnt man einen Eindruck über die mit Ängsten und Hoffnungen durchwucherte Zukunft des urbanen Raums. Die Soziologie der Zukunft ist längst in die Science Fiction ausgewandert. Städte und deren Gemeinschaften zerfallen immer mehr in suburbane, voneinander abgeriegelte Zonen, Gettos oder Wehrsiedlungen, die sich einschließen.
Auch diese Tendenz zur Einschließung und zur Homogenisierung der Bewohner hat ihre Vorbilder in der Geschichte, vor allem in der der Utopie. Utopische Städte waren stets klein, übersichtlich und ihre Bewohner nicht zerrissen durch soziale Konflikte. Sie waren keine Orte der Anonymität, der Lust, der Überschreitung sozialer und moralischer Konventionen, der Kämpfe zwischen Klassen und Schichten, sondern in ihnen lebten friedlich miteinander umgehende Mitglieder von Gemeinschaften. Utopien vom Großstadtleben wurden nur selten entwickelt. Als während der industriellen Revolution die Städte explodierten, träumte man von Gartenstädten, suchte man den großen Agglomerationen immer wieder kleinere, geschlossene Einheiten entgegenzusetzen, grassierte stets eher das Bild einer dörflichen Gemeinschaft als das einer urbanen Gesellschaft, selbst wenn sich dies nur in Trabantenstädten oder Wohneinheiten niederschlug. Diese Reaktion auf die Massengesellschaft und ihr urbanes Leben setzte sich auch in den Utopien der 60er Jahre fort und läßt sich noch in Marshall McLuhans Metapher von der durch elektronische Kommunikationsmittel konstituierten Gemeinschaft als "globales Dorf" finden. Nachdem die Utopien der Moderne gescheitert oder vielleicht eher verlassen worden sind, die stets auf die Verwirklichung in der Gesellschaft basierten und deren Veränderung anstrebten, scheint sich die Sehnsucht nach Gemeinschaft heute durch den Cyberspace erfüllen zu lassen, während sie gleichzeitig im realen Raum durch die Errichtung neuer Mauern in der dualen Stadt eingelöst wird.
Neal Stephenson hat die soziologischen Analysen über die duale Stadt von Saskia Sassen, Mike Davis oder Manuell Castells subtil als selbstverständliche gewordene Lebenswirklichkeit in seinen Roman einfließen lassen. Nationalstaaten und deren Regierungen gibt es nur noch als machtlose Instanzen, während die Territorien in Gettos aufgeteilt wurden. Jeder wird kontrolliert, der in sie eintreten will. Die Welt ist aufgeteilt in Stadtstaaten, ein "pluralistischer" Fleckenteppich von Gettos. In "Snow Crash" ist eines dieser Gettos beispielsweise Mr. Lees Groß-Hongkong. Es ist keine zusammenhängende Stadt, sondern eine zerstreute Ansammlung von geschützten Enklaven: "Mr Lees Groß-Hongkong ist ein privates, rundherum extraterritoriales, unabhängiges, quasinationales Gebilde, das von anderen Nationalitäten nicht anerkannt wird."
Der Zerfall der Städte läßt Ängste entstehen, die Überwachung und Kontrolle forcieren und die Bevölkerungsschichten voneinander isolieren. Der Kampf zwischen den Armen und Reichen, zwischen Alten und Jungen, zwischen verschiedenen Ethnien ist an der Tagesordnung. Politische Macht, gebunden an ein Territorium, wird durch diese lokale Fragmentierung ebenso zerrieben wie durch die international agierenden Unternehmen, die sich im globalen Netzwerk verankern und dieses betreiben. "Snow Crash" spielt in Los Angeles, der Stadt der Zukunft, in der das Wachstum nur noch in den Tälern und Canyons stattfindet, aus der die Menschen flüchten und sie dadurch nur immer größer werden lassen, während die anderen Flüchtlinge in sie einwandern: "Die einzigen, die in den Städten geblieben sind, sind die Straßenmenschen, die sich von Abfall ernähren; Einwanderer, die der Zusammenbruch der asiatischen Mächte wie Granatsplitter zerstreut hat; und die Technomedia-Priesterschaft von Mr. Lees Groß-Hongkong. Kluge junge Leute wie Da5id und Hiro, die das Risiko auf sich nehmen, in der Stadt zu leben, weil sie Stimulation mögen und wissen, wie man damit umgeht" - und weil sie jederzeit in die künstliche Welt eintauchen können, die viel attraktiver als die wirkliche ist.
Nur im "Metaversum", der virtuellen Stadt, gibt es noch eine begrenzt gemeinsame Lebenswelt, in der sich Millionen von Menschen gleichzeitig aufhalten. Doch auch in dieser virtuellen Welt spiegeln sich die gesellschaftlichen Brüche der wirklichen Welt. Nur wer Geld oder Programmierkompetenz besitzt, kann sich in dieser Parallelwelt frei bewegen, sich private Grundstücke kaufen oder sich in einem maßgeschneiderten Avatar repräsentieren. Besitzt man in Stephensons Metaversum einen eigenen Computer und hatte man das Geld, sich ein Grundstück zu erwerben und darauf sein privates "Haus" zu bauen, so materialisiert man sich in diesem. Besucher, die sich etwa von öffentlichen Terminals einloggen, gelangen über Schleusen, Flughäfen vergleichbar, auf die endlose Hauptstraße des Metaversums. Man erkennt sie daran, daß ihre Avatars schwarzweiß und gering aufgelöst dargestellt werden, daß sie schlicht billig sind.
2. Die Ideologie des Cyberspace
Wenig oder nichts von solchen durchaus realistischen Szenarios findet man in den Kolonisierungsbestrebungen des Cyberspace. Beherrscht von der "kalifornischen Ideologie" glaubt man auf rechter wie auf linker Seite, daß der Eintritt in den Cyberspace die Probleme wie von selbst lösen wird, oder man "vergißt" mehr oder weniger, daß der Cyberspace stets in der Wirklichkeit verankert ist und diese beeinflussen wird. Das von amerikanischen Konservativen (Esther Dyson, George Gilder, George Keyworth, Alvin Toffler) im Umkreis von Newt Gingrich bereits 1994 verfaßte Manifest "Magna Carta für den Cyberspace" (A Magna Carta for the Knowledge Age) bringt wohl am besten die Suche nach einer neuen "Frontier" im Cyberspace zum Ausdruck. Obgleich der Cyberspace geographisch nicht verankert ist, verbindet sich mit seiner Kolonialisierung gleichwohl die Hoffnung auf Standortsicherung und Vorherrschaft der amerikanischen Nation. Seltsam jedenfalls ist zweifellos für uns Alteuropäer, was Richard Barbrook und Andy Cameron als Merkmal der "kalifornischen Ideologie" herausgearbeitet haben, daß sich hier individualistisches, liberalistisches und manchmal anarchistisches Gedankengut umstandslos mit einer Verherrlichung des Kapitalismus und seiner darwinistischen Prinzipien zu einem Amalgam verbindet, das die neue virtuelle Klasse jenseits aller übrigen Differenzen zu vereinen scheint: "Die weitreichende Anziehungskraft dieser Ideologen der Westküste resultiert nicht nur aus ihrem ansteckenden Optimismus. Vor allem sind sie leidenschaftliche Vertreter einer Haltung, die als eine unschuldige liberale Politikform erscheint: Sie wollen den Einsatz der Informationstechnologien, um eine neue Demokratie im Geiste Jeffersons zu schaffen, in der alle Individuen sich frei im Cyberspace zum Ausdruck bringen können. Während sie jedoch dieses anscheinend bewundernswerte Ideal feiern, reproduzieren diese Technikförderer gleichzeitig einige der teuflischsten Merkmale der amerikanischen Gesellschaft, vor allem jene, die aus dem schlimmen Vermächtnis der Sklaverei herstammen. Ihre utopische Vision von Kalifornien basiert auf einer willentlichen Blindheit gegenüber den anderen, viel weniger positiven Eigenschaften des Lebens an der Westküste: Rassismus, Armut und Umweltzerstörung."
Der Cyberspace gilt als Lösung aller Probleme in der wirklichen Welt, die man vermeintlich durch das Überschreiten der technischen Schwelle hinter sich läßt, und zugleich als Fortsetzung des amerikanischen Traums, in dem der einzelne und seine Freiheit über allem anderen steht, wenn er erfolgreich ist. So wird gelegentlich von Cyberspace-Enthusiasten, vermutlich ohne groß nachzudenken, der freie Zugang zum Netz und die Freiheit der Meinungsäußerung in ihm als Einlösung der Demokratie verstanden, während die konkreten Lebensumstände im wirklichen Leben als vernachlässigenswert erscheinen oder schlicht ignoriert werden.
Der Erfolg des Cyberspace als neuer Utopie verdankt sich nicht allein den technischen Innovationen und den Versprechungen des Profits, die mit ihnen einhergehen. Der Eintritt in ihn ist verwoben vor allem mit der urbanen Wirklichkeit der Städte und dem Zerfall des öffentlichen Raums, mit der weiter voranschreitenden Suburbanisierung und der Errichtung der dualen Stadt. Die Städte sind nicht mehr geographische Verdichtungen des Kapitals, der Macht, der Kultur und des Wissens, sie sind zu Orten geworden, in denen man eingesperrt ist, aus denen man flieht oder in denen man abgeschlossene Räume einrichtet, Zonen der Apartheid, gesicherte High-Tech-Bunker, geschlossene Zonen, die durch eben jene Techniken überwacht werden, mit denen auch der Cyberspace erbaut wird. Ebenso wie man im Cyberspace in eine Welt des Innen geht, schließen sich auch Wohnungen, Häuser, ganze Stadtteile und neue Wehrdörfer vom Außen ab, werden als Ersatz Städte im Cyberspace und parallele Städte als Themenparks gebaut. Anstatt in den öffentlichen Räumen der Städte flanieren und arbeiten die Angehörigen der virtuellen Klasse im Cyberspace, der ihnen erlaubt, die schwarzen Löcher zu überbrücken und homogene Gemeinschaften zu bilden, die letztlich darauf ausgerichtet sind, sich in autonomen Inseln mit überwachten Korridoren zu verankern. Noch befinden sich solche Inseln auf der Erde und sind, wie Biosphäre II, vorerst noch mangelhafte Projekte, doch die Phantasie verstärkt sich, die Erde hinter sich lassen zu können und im Cyberspace oder im Weltraum neue Territorien zu erschließen.
Die Autoren des Manifests geben zwar zu, daß auch in den USA die "dritte Welle" der Menschheitsentwicklung nach der Etablierung der Agrikultur und dem industriellen Zeitalter noch keineswegs angekommen sei, daß man ein neues Territorium betrete, in dem es noch keine Regeln gebe. Doch sie wissen, was Bedingung für den Eintritt in den Cyberspace als Erfüllung des "American Dream" - und der amerikanischen Wirtschaft - definitiv sein müsse: Deregulierung, Konkurrenz, Privatisierung, Dezentralisierung und "demassifying" aller Institutionen und der Kultur um jeden Preis, was nur heißen kann, wenn allein die staatliche Bürokratie im Kreuzfeuer steht, Kommerzialisierung von allem für jene, die es sich leisten können, und Gleichgültigkeit gegenüber denen, die aus der Informationsgesellschaft herausfallen Niemand wisse, wohin die entmassten Individuen und Gesellschaften treiben werden, aber die isolierten Einzelnen werden sich in "verschiedenartigen Gemeinschaften" von "elektronischen Nachbarschaften" zusammenfinden, die nur noch durch gemeinsame Interessen zustande kommen, nicht mehr durch geographische Nähe und gemeinsame Verpflichtungen, abgesehen vielleicht von jener auf die amerikanische Idee des Lebens, die von den Autoren bedingungs- und kritiklos gepriesen wird. Verkleinerung und Homogenisierung der "Gemeinschaften" ist das große Ideal hinter der Cyberspace Ideologie. Die Macht der Computer liege, wenn nur die Deregulierung konsequent betrieben werde, in den "Händen ganzer Bevölkerungen", und das werde dann schon dafür sorgen, daß keine Unterdrückung auf den Datenautobahnen herrsche, daß die Luftverschmutzung sich verbessere, daß - und hier scheint die amerikanische Wirklichkeit kurz durch - die Menschen nicht mehr in "übervölkerten und gefährlichen urbanen Regionen" leben müßten, sondern ihr Familienleben - privat, zuhause und sicher - ausbauen können.
Der Cyberspace wird mehr und mehr, wie die Autoren des Manifests sicher richtig schreiben, ein Marktplatz, auf dem "Wissen" in Form von Hardware, Software, Kompetenz und Informationen zur Ware wird und an dem sie die erneute Einlösung des "American Dream" sowie des Versprechens des "American life" festmachen, als ob die sozialen Verhältnisse in den USA zum Vorbild für die ganze Welt gereichen würden. Die Gefahr besteht, daß öffentliche Räume und Öffentlichkeit noch weiter als bisher zerfallen.
Die Autoren der "Magna Carta" zeichnet eine ebenso bedingungslose Individualismus-Euphorie wie eine alternativenlose Verherrlichung des kapitalistischen, von allen sozialstaatlichen Interventionen befreiter Konkurrenzkampf aus. Der Cyberspace gehöre dem "Volk", nicht der Regierung, aber das Volk in seiner ganzen gefeierten Diversität, aus der die sozialen und/oder ethnischen Konflikte ausradiert wurden, verengt sich auf Benutzer derjenigen Technologien, die von multinationalen Konzernen angeboten werden und zwischen denen sie nun endlich so auswählen dürfen, wie zwischen Dutzenden von Fernsehprogrammen. Der "dritten Welle" in der Geschichte der Menschheit, der die Autoren dieses individualistischen und liberalistischen Manifests Nachdruck verleihen wollen, gehören die Computerfirmen und biotechnologischen Unternehmen, die informationsbasierten Produktionsstätten und mit Informationen handelnden Banken und Softwarehersteller, die Angehörigen des Unterhaltungs-, Medien-, Kommunikations-, Ausbildungs- und informationellen Dienstleistungssektors an. Sie werden, so die Autoren, die Gesellschaft der Zukunft bestimmen. Alles andere fällt den schwarzen Löchern anheim, den abgehängten gesellschaftlichen und geographischen Dritte-Welt-Orten, die mehr und mehr auch in den hochentwickelten Ländern zu finden sind, oder den reaktionären Vertretern der überlebten Massengesellschaft. Jetzt handeln nicht mehr große gesellschaftliche Gruppen, die durch Repräsentation oder Herrschaft unterdrückt werden, sondern hoch differenzierte Gemeinschaften, "gebildet aus Einzelnen, die ihre Unterscheide preisen." Diese Einzelnen, wer denkt da nicht an Stirner, sind schwer zu vereinen und ordnen sich nicht den "Bestimmungen, Steuern und Gesetzen" unter, die den "Industriebaronen und Bürokraten der Vergangenheit" dienten. Man fragt sich nur, ob das Volk der einzelnen jetzt von Konzernen "repräsentiert" wird, die wie etwa Microsoft weltweit in ihrem Sektor beherrschend sind, auch wenn es sich nicht mehr um solche gigantischen Unternehmen handelt, die noch das Industriezeitalter bestimmten.
Zwar propagiert man die Notwendigkeit, daß die Eigentumsverhältnisse sich verändern werden, aber man spricht nur davon, daß das Copyright für geistige Hervorbringungen am Ende sei, während man für schnellere Abschreibungsraten der Steuern für Hardware und Software ist und die neuen Monopole der Konzerne, die immer stärker erfolgende Konzentration durch Fusion der Giganten im elektronischen Bereich als quantité négligeable außer Acht läßt. Zwar sollen Regulierungsmaßnahmen völlig entfallen, die dem Zeitalter der Massen angehören, doch die mit den multimedialen, interaktiven und breitbandigen Computernetzen wieder aufgewärmte Ideologie des Liberalismus kümmert sich nicht um die Standardisierungen und Zwänge, die direkt in die Hardware und Software eingebaut werden.
Die Computertechnik habe, so formuliert es das Manifest überschwenglich, mehr als nur eine Maschine hervorgebracht. Der Cyberspace sei vielmehr eine "bioelektronische Umwelt, die buchstäblich universal ist." Doch es ist eine Umwelt, in die man sich nicht freundlich hineinbegibt oder die man zu bewohnen lernt, sie lädt zur Eroberung ein und ist ein "bioelektronisches Grenzgebiet". Endlich gibt es wieder, nachdem der Kalte Krieg vorbei und Programme wie Star Wars erledigt sind, eine "New Frontier", Traum und Trauma der Amerikaner, die das einstige "Go West" nun mit "Go Cyberspace" ausgetauscht haben: "Cyberspace is the latest American frontier". Hacker werden wie einst die Landeroberer und Outlaws gefeiert, zumindest wenn diese sich schließlich nach dem Ausleben im Wilden Westen in die Wirtschaftsordnung integrieren, sie zu "Technikern" oder "Erfindern" und dann zu "Schöpfern eines neuen Reichtums in der Form von Baby Unternehmen" werden, die den Cyberspace trotz allen Geredes von Universalität zum wirtschaftlichen Eigentum der Amerikaner machen. Die Eroberung des Cyberspace aber folgt dem Bild der Siedler, Cowboys, Wild-West-Helden und Soldaten, die sich einen Kontinent unterwerfen, der in ihren Augen niemandem niemandem gehört - Kolonialismus pur. Vergessen wir die Indianer, das Blut, das geflossen ist, die Sklaven, die im Namen der "individuellen Freiheit" geschuftet haben: "Der bioelektronische Grenzbereich (frontier) ist eine angemessene Metapher dafür, was im Cyberspace geschieht, wenn man sich an den Geist der Erfindung und Entdeckung erinnert, der die früheren Seefahrer dazu antrieb, die Welt zu erkunden, und Generationen von Pionieren, den amerikanischen Kontinent zu zähmen, und der in der jüngsten Zeit zur ersten Erkundung des Weltraums führte."
Deregulierung und Rückzug des Staates als Kontrollmacht sind seit je die Zauberworte des wirtschaftlichen Liberalismus gewesen - abgesehen natürlich von der Sicherung des Eigentums, der Verträge und des Profits, wofür man stets gerne auf den Staat zurückgegriffen hat. Nun also schwärmt man von der staaten- und bürokratielosen Freiheit des Cyberspace, der einerseits dem "Volk" gehören und andererseits den Standort USA mit seinen Konzernen sichern soll. Die Europäer sollten sich fragen, ob sie, trotz aller Ängste, als Standort nicht mehr attraktiv zu sein, dieser seltsamen Mischung aus liberalem und individualistischem Sendungsbewußtsein mit nationalem Pathos und ökonomischem Herrschaftswillen wirklich folgen wollen, was vermutlich heißen könnte, soziale und territoriale Inseln der High-Tech-Kultur gegenüber der restlichen Gesellschaft abzuschließen und eine Vielfalt zu feiern, für deren Sicherung es keine politischen Instrumente mehr gibt. Computernetze bringen die Gefahr mit sich, daß die Vermittlungs- und Repräsentationsebenen eingeschliffen werden, und suggerieren möglicherweise den Traum einer direkten, anarchistischen Demokratie, die bislang territorial - in Kommunen, Ländern und Staaten - definiert war. Wir erleben tatsächlich den allmählichen Verfall der repräsentativen und nationalstaatlich verankerten Demokratie, der sich die Menschen ebenso wie die globalisierte Ökonomie und die vernetzten Medien entziehen. Die Europäer haben durch ihre Geschichte gelernt, daß Utopien, in die man sich hineinstürzt, nur neuen Schrecken hervorbringen. Cyberspace oder Telepolis eröffnen eine neue Lebenswelt, doch es wird davon abhängen, welches Gemeinwohl, welche Öffentlichkeit, welche Kultur der Differenz hier zum Zuge kommt, um eine Lebenswelt zu schaffen, in der alle existieren können und in der auch das biologische Überleben auf diesem Planeten nicht weiter gefährdet ist. Cyberspace oder Telepolis scheinen, weil sie eine neue Lebenswelt anbieten, die Chance zu bieten, alles neu zu machen, die Vergangenheit und die sozialen Probleme der Gegenwart hinter sich zu lassen. Investitionen von Kapital, Zeit und Leidenschaften in den Cyberspace werden möglicherweise jene reduzieren, die man für die Gestaltung der "wirklichen" Welt einsetzt. Arbeitsplatz- und Standortsicherung in einer globalen Ökonomie können ebenso wie die Faszination, die von der neuen virtuellen Lebenswelt und ihren neuen Handlungs- und Kommunikationsformen ausgeht, dahin führen, daß wir die Wirklichkeit der Gleichgültigkeit überlassen, daß das Leben im Raum der Orte und das im Raum der Datenströme immer weiter auseinander driftet.
Doch Telepolis oder Cyberspace ist kein unschuldiger Ort jenseits der Welt. Ebenso verankert in der wirklichen Welt wie die Menschen mit ihren Körpern, wirkt die Ordnung der neuen Welt auf die alte zurück. Das "liberalistische" Manifest ist nur eine Spielart des überall erwachenden Fundamentalismus, der sich in Orten, seien es Slums oder gesicherte Wohnstätten, verankert. Der Raum der Orte, der Raum der Standorte, wird durch Telepolis nicht eliminiert, in ihm werden die Kämpfe während der Kolonialisierung des Cyberspace ihren Niederschlag finden. Die Rede von der Ortlosigkeit, von der Vernichtung des Raums täuscht nur darüber hinweg, daß nicht nur im Cyberspace neue Räume, neues Eigentum und neue Machtformen entstehen, sondern daß diese sich im realen Raum abbilden.
3. Die Übergangslösung: Biosphäre II
Das ultimative Modell einer geschlossenen High-Tech-Lebenswelt, die sich überall befinden könnte, ist bislang noch gescheitert. Biosphäre II, errichtet in der Wüste von Arizona, ist das ultimative Projekt einer Raumkapsel, die sich von der Erde löst und mit anderen Kapseln nur noch über Telekommunikationsverbindungen zusammenhängt. Überdies ist Biosphäre II ein Experiment, wie sich eine kleine soziale Gemeinschaft unter der Bedingung des Ausschlusses der Außenwelt verhält, welche Strukturen gegeben sein müssen, damit das Zusammen- und Überleben der neuen High-Tech-Landwirte funktionieren kann. Das unterscheidet die in der terrestrischen Station Eingeschlossenen von Weltraumfahrern. Im Hintergrund steht, wie bei allen Projekten der Informationsgesellschaft, die Hoffnung, trotz der Globalisierung der Lebenswelt kleinen und homogenen Gemeinschaften einen Raum zur Besiedlung anzubieten, der Schutz vor den Konflikten der Restgesellschaft bietet. Der Cyberspace ist solch ein geschützter Raum, der sich vollständig überwachen, kontrollieren und absichern läßt, Biosphäre II wäre dessen Übertragung in die wirkliche Welt, aber mit allen Vorteilen der Televirtualität, der dem Cyberspace eigen ist. Biosphäre II ist keine Schnittstelle der wirklichen Welt mit dem Cyberspace mehr, sondern dessen Verankerung und Spiegelung in ihr. Das Verhältnis zwischen Simulation und Wirklichkeit beginnt sich umzukehren. Was nicht in die Virtualität aufgelöst werden kann, wird in Kapseln eingeschlossen und vernetzt. Biosphäre II ist das Modell für die Realisierung von Telepolis, für einen abgedichteten Innenraum, der autark von der Außenwelt ist und tatsächlich ein bioelektronisches System darstellt, wie es von den Autoren des Cyberspace Manifestes gepriesen wird.
Das reale Projekt Biosphäre II hat sich zwar seit einiger Zeit vom Ziel abgekehrt, eine selbstgenügsame Überlebenskapsel mit geschlossenen Kreisläufen zu konstruieren, in der nur Datenströme ein- und austreten können und die auch für die Besiedlung des Weltraums geeignet wäre. Während der zweijährigen Probephase mußte beispielsweise ein Teil des Teams zur medizinischen Versorgung die künstliche Welt verlassen und brachten Ausrüstungsgegenstände wie Computerteile und Handbücher zurück. Sauerstoff mußte eingepumpt werden, weil zuviel Kohlendioxid entstand, die selbstangebauten Lebensmittel reichten zur Versorgung nicht aus. Die Arbeit an der Aufrechterhaltung des Systems, also das Pflanzen und Ernten der Lebensmittel, die Versorgung der Tiere und die Jagd auf Küchenschaben und Ameisen, ließ den Eingeschlossenen wenig Zeit zur Forschung. Jetzt soll Biosphäre zum weltweit größten Laboratorium zur Untersuchung von ökologischen Interaktionen werden, bei denen man die Randbedingungen exakt kontrollieren kann.
Gleichwohl ist Biosphäre II die Einlösung urbanistischer Visionen von der abgekapselten und selbstgenügsamen Umwelt eines gigantischen Mensch Maschine-Systems und ein Modell für die Lebenswelt der Zukunft, die wie eine Maschine gefahren wird und deren Prinzip die lückenlose Überwachung und Steuerung aller Komponenten ist. Angelehnt an die Superstrukturen Buckminster Fullers ist Biosphäre II ein Dom aus Glas und rostfreiem Stahlgitter, in dem die Wasser-, Luft und Lebensmittelkreisläufe vollständig abgeschlossen sind und innerhalb des Systems recycelt werden. 1600 Sensoren überwachen das Klima, die Luft-, Boden- und Wasserbeschaffenheit und liefern diese Informationen an ein zentrales Kontrollsystem. Das Computernetzwerk ermöglicht eine kontinuierliche Darstellung der Umweltdaten. Innerhalb des Systems befinden sich neben einigen Menschen 4000 verschiedene Pflanzen- und Tierarten., die Mikroorganismen nicht eingerechnet. Aufgeteilt ist Biosphäre II in fünf "wilde" Ökosysteme: Regenwald, Savanne, Küstenzone, Sumpf und eine Meereszone mit einer Korallenbank. Daneben gibt es Zonen für Landwirtschaft und Wohnräume für die Eingeschlossenen. Neben dem Dom befinden sich zwei weitere, mit dem Hauptareal verbundene Dome, die als "Lungen" fungieren und die atmosphärischen Schwankungen ausgleichen. Die Temperatur wird von außen durch ein Wassersystem reguliert, auch die Elektrizität wird noch von außen eingespeist.
Die materielle und biologische Umwelt der Körper, das zeigt schon die gegenwärtige Wertschätzung des Körpers und der Natur, wird in der Gesellschaft der digitalen Netze keineswegs unwichtig werden, aber sie wird streng nach funktionalen Kriterien organisiert und inszeniert, wobei nach dem Vorbild von Biosphäre II sowie den parallelen Städten, Einkaufszentren, Malls, Themen- und Erlebnisparks und neben dem Ausbau von Telepolis als virtueller Lebenswelt immer mehr Funktionen der Außenwelt in die Innenwelten des umbauten Raumes aufgenommen werden. Die Informatisierung der ökologischen Systeme, die permanente Überwachung mittels Sensoren aller Art, dient zwar primär dazu, Warn- und Sicherheitssysteme aufzubauen, um die Grundlagen für das menschliche Leben schützen zu können, das daraus folgende Wissen aber zielt letztlich darauf, die komplexe ökologische Maschine steuern zu können, und, sofern dies nicht möglich ist, von der Umwelt abgeschlossene und autonome Mikrokosmen zu erbauen, die dann vollständig überwacht und wie andere technische Großsysteme "gefahren" werden können. Der Außenraum dient dem Transport von Gütern und Menschen, die Natur der Produktion von Lebensmitteln und gewissen Bedürfnissen der Erholung, zu denen auch die ästhetische Wahrnehmung von inszenierter Natur von Parks bis hin zu Naturschutzgebieten und Biotopen gehört. Die Umwelt ist weiterhin eine in bestimmten Hinsichten zu schützende Ressource, um das Leben in den umbauten Räumen aufrechtzuerhalten, die allerdings mit ihrer "Intelligenz" dahin tendieren, immer unabhängiger und autonomer zu werden, zu vernetzten "Singles" einer räumlich verstreuten Telepolis, deren "schwarze Löcher" für diejenigen, die sich in die Arche-Noah-Kapseln des Informationszeitalters retten können, durch Kabel- und Satellitenverbindungen überbrückt und dem Vergessen preisgegeben werden können.
4. Der Weltraum
Biosphäre II ist, wie gesagt, das große Vorbild für künftige Raumkolonien und einst selbst aus dieser Idee geboren worden, obgleich sie durchaus auch als ultimatives Modell für einen neuen, technisch ermöglichten und umrahmten Lebensraum auf der Erde gelten kann. Warum sollte man an die Besiedlung des Weltraums denken? Die NASA führt zunächst ganz einfach biologische Gründe der räumlichen Expansion und des ungehemmten Wachstums an: "Warum ist Leben aus den Ozeanen gewandert und hat das Land kolonialisiert? Weil Lebewesen wachsen und sich verbreiten wollen. Wir haben die Möglichkeit, im Weltraum zu leben, deswegen werden wird das tun." Aber man hat doch von der Geschichte gelernt und sich neue Gründe für die Kolonialisierung angeeignet: "Der Hauptvorteil von Weltraumsiedlungen ist die Möglichkeit, neues Land zu bauen und es nicht jemandem wegzunehmen. Das gestattet, aber garantiert nicht eine riesige Verbreitung der Menschheit ohne Krieg und Zerstörung der irdischen Biosphäre." Durch Auswanderung könnte man der Überbevölkerung der Erde, der Vernichtung ihrer Biosphäre und dem möglichen Einschlag von Asteroiden entgehen.
a) First Millenial Foundation
http://www.millenial.org/intro/faq.htm
Aber es gibt auch private Organisationen, die die Besiedlung des Weltraums fördern und zur nationalen Aufgabe machen wollen. Die "First Millenial Foundation" etwa sieht unser Schicksal schlicht darin, Leben zu den toten Sternen zu tragen, was uns wenigstens für die nächsten tausend Jahre vollständig beschäftigen werde. Das sei eine "heilige Pflicht", zumal das Leben, wenn es an die Erde gebunden bleibt, zum Tode verurteilt sei. Es könne irgendwann eben durch einen Kometen oder Asteroiden zerstört werden und irgendwann werde schließlich auch die Sonne explodieren. Doch schon jetzt befinde sich die Erde wegen der menschlichen Bevölkerungsexplosion in einer Krise. Wie werden 10 oder 15 Milliarden Menschen noch Platz und genügend zu essen finden?
Wie immer, wenn es um einfache Lösungen für komplexe Probleme geht, versucht man nicht die Schwierigkeiten auf der Erde anzugehen oder die herrschenden Macht- und Produktionsverhältnisse zu untersuchen. Mehr Land, ein größerer Lebensraum ist der propagierte Ausweg. Als ersten Weg zur Kolonialisierung schlägt die Foundation allerdings die Bildung von schwimmenden Inseln in den warmen Bereichen der Meere vor. Sie sollen sich selber bilden, wenn ein leitfähiges Metall in das Wasser getaucht und Strom durchgeleitet wird. Dann würden die im Wasser gelösten Mineralien sich an das Metall heften und eine dichte Ablagerung eines künstlichen Kalkgesteins ergeben. Wenn man zusätzlich ein Metallverstärkungen mit einem elektrischen Maschendraht einbaut, könnte das eine hinreichende feste Grundlage für die künstlichen Inseln ergeben. Die darauf wohnenden Menschen würden aus dem Meer leben, indem sie Fischzucht betreiben und Algen kultivieren, und auch ihre Energie umweltverträglich daraus gewinnen. Noch gleichen die Meere "verlassenen Kontinenten" und "biologischen Wüsten", aber das Leben auf den schwimmenden Inseln im tropischen Klima wird sehr angenehm sein. Man verspricht uns Sicherheit, denn ähnlich wie man dort umweltschonend in geschlossenen Kreisläufen lebt, werden die Kolonien "relativ frei von Verbrechen und anderen Übeln sein, die in den Städten vorherrschen." Es handelt sich nämlich um "eine Gesellschaft eng miteinander verbundener Individuen", also um eine Gemeinschaft nicht-städtischer Art. Die Meereskolonien bereiten uns darauf vor, in geschlossenen Systemen und in einer "isolierten und hoch integrierten Gemeinschaft" zu existieren, was schließlich auch Voraussetzung für das Verlassen dieses Planeten sei, das eben diese Bedingungen notwendig mache.
b) NASA: Space Settlement Basics
http://www.nas.gov/NAS/SpaceSettlement/Basics/wwwwh.html
Die Menschen bei der NASA wollen den Gedanken der Weltraumbesiedlung natürlich aus institutionellen Gründen der Selbsterhaltung forcieren. Nach dem Ende des Kalten Krieges geht es zwar noch um das Aussenden von Satelliten, die schon zu Hunderten die Erde umkreisen, aber das bemannte Raumfahrtprogramm ist zu teuer geworden und wurde daher äußerst reduziert. Raumfahrt müsse etwas für die gewöhnlichen Menschen werden, nicht nur eine Aufgabe von hoch qualifizierten Spezialisten. Billig und sicher sollten daher Raumflüge sein, erst dann könnten Tausende oder Millionen von Menschen diese Gelegenheit nutzen und die Erde entlasten. Schließlich sei vor 100 Jahren noch niemand in einem Flugzeug geflogen, während heute über 500 Millionen Menschen jedes Jahr fliegen würden.
Interessant ist, daß einige Personengruppen genannt werden, die die Besiedlung des Weltraums besonders attraktiv finden könnten. So wäre der Aufenthalt im Weltraum ohne die Belastung durch die Gravitation für Behinderte vorteilhaft. Sie brauchen keine Maschinen oder Hilfsgeräte zum Gehen, sie würden sich vielleicht schwebend fortbewegen. Dann wäre da noch die Möglichkeit der Einrichtung von nicht ganz so freiwilligen Aussiedlern, denn Weltraumkolonien könnten, wie einst Inseln, als ziemlich ausbruchsichere Strafanstalten dienen. Das liegt ziemlich nahe, wenn auch vielleicht anders, als die Autoren sich das denken, denn Weltraumstationen sind auf jeden Fall eine Art Gefängnis, selbst wenn man sie als Schutzburgen anlegt. So seien sie auch für manche religiöse Gruppen geeignet, die nicht in der Nähe von "Ungläubigen" leben wollen, oder für solche, die mit neuen sozialen und politischen Formen experimentieren wollen.
Vorbild ist natürlich wieder Biosphäre II, eine technisch realisierte "unabhängige Biosphäre" mit einem geschlossenen Kreislauf. Vielleicht sollte man nur, so schlagen die Autoren vor, doch ein wenig Sauerstoff und ein paar Lebensmittel mitnehmen. Man wolle auch gar nicht Planeten oder den Mond besiedeln, sondern irgendwie geformte, aber gigantische Behälter zunächst um die Erde kreisen lassen, damit man wenigstens noch die Erde im Blick habe und sie noch besuchen könne. Erst später wird man sich dann im solaren Planetensystem verbreiten oder zu neuen Sternen ziehen, denn nach einigen Generationen werde es den Menschen egal sein, wo sie sich befinden. Die Vorschläge zur technischen Realisierung seien hier nicht weiter behandelt. Man setzt auf die Nanotechnologie, die alles von selber machen wird, die es beispielsweise ermöglichen könnte, einen "orbitalen Turm" zu bauen, der von der Erdoberfläche in den Weltraum sich erhebt. Dann ließen sich Material und Menschen mit einem Lift in den Orbit und zurück mit geringen Kosten bringen. Aber auch wenn alles lange dauern und viel kosten wird, so wurden doch auch "New York, Kalifornien oder Frankreich" nicht an einem Tag erschaffen oder haben "Kanada, Frankreich oder San Francisco" eine Menge Geld verschlungen. Ein paar Gründe haben wir schon kennengelernt, warum der Weltraum "ein schöner Platz zum Leben" sei. Aber es gibt noch weitere, die ich niemand vorenthalten will. Davon führen die Autoren mehrere auf. Es gibt erstens ein ästhetisches Motiv der "schönen Aussichten". Von da draußen kann man das herrliche und durch Luftverschmutzung ungetrübte Panorama des Sonnensystems und natürlich die wunderschöne Erde erblicken. Zweitens würde die geringe Schwerkraft erfreulich sein, um Sport zu betreiben oder zu tanzen. Beides außerordentlich anziehende Gründe, um die Erde zu verlassen. Aber natürlich gibt es noch mehr.
Da wäre drittens die Unabhängigkeit hinsichtlich der Umwelt, denn dummerweise leben wir auf der Erde alle in einer einzigen Biosphäre und müssen alle ökologischen Untaten der anderen erleiden. Weil jede Weltraumkolonie völlig von ihrer Umwelt abgeschlossen ist, treten hier die globalen ökologischen Effekte der Risikogesellschaft nicht ein: "Wenn eine Kolonie die Luft verschmutzt, muß den Dreck niemand anders einatmen." Der vierte Grund ist paradigmatisch für unser Thema, weswegen ich ihn in voller Länge zitieren werde: "Auf der Erde müssen die verschiedenen Gruppen lernen, in großer Nähe zueinander zu leben. Es ist mühsam, mit fünf oder sechs Milliarden Angehörigen der Gattung Homo sapiens zu leben, und manche können dies nicht gut verkraften. Weltraumkolonien bieten eine Alternative zur Veränderung des menschlichen Wesens oder zu endlosen Konflikten, nämlich die Möglichkeit, in nahezu homogenen Gruppen zu leben, wie es der Normalfall für die menschliche Existenz über Millionen von Jahren hinweg war. Wer damit nicht zurechtkommt, kann von den anderen durch Millionen von Kilometern besten Vakuums getrennt sein, was manchmal notwendig erscheint. Jeder Zugang zu einer Weltraumkolonie führt über eine Luftschleuse. Daher sollte die Kontrolle der Einwanderung keine Bedeutung spielen." Noch zumindest können wir nur bedingt wählen, wie die Orte aussehen sollen, an denen wir wohnen. Dieses Sich-Einfinden-Müssen ist für echte Weltraumfahrer, alles Individualisten, Glücksstrebende und Weltenbauer, nicht gut erträglich. "Weil", ich zitiere den fünften Grund, außerstande, ihn besser zu formulieren, "weil die gesamte Umwelt von Menschen hergestellt wurde, kann man wirklich das bekommen, was man will. Wollen Sie ein Grundstück an einem See? Dann bauen Sie einfach Seen. Lieben Sie Sonnenuntergänge? Dann programmieren Sie stündliche Sonnenuntergangssimulationen in das Wettersystem. Lieben Sie es, barfuß zu gehen? Dann machen Sie die ganze Umwelt fußfreundlich."
Vielleicht ist alles ja gar nicht ernst gemeint, sondern nur eine 1995 verfaßte Satire auf die frühen Träume der Auswanderung. Auf jeden Fall steckt viel Zeitgeist in diesen Grundlagen der Weltraumkolonialisierung seitens der NASA, die vielleicht gar nicht weiß, was da einer der ihren in ihren Web-Seiten hineingepackt hat. Aber schließlich gibt es noch andere, die es todernst meinen: den mit der Weltraumbesiedlung verwobenen amerikanischen Traum von einer neuen Grenze.
c) Welcome to the Revolution: The Space Frontier Foundation
http://www.users.interport.net/~bengfer/
Die "Space Frontier Foundation" mit dem Sitz in New York ist eine Organisation amerikanischer Bürger, die stark im Internet arbeitet und auch eine Mailing List mit Beiträgen zur Serie "The Frontier Files" unterhält. Ihre Forderungen zielen darauf, den Weltraum zu besiedeln, weil die Menschheit sonst untergehen würde, und dies möglichst schnell. Dafür trage die USA, als Nation der Frontier, eine besondere Verantwortung. Doch Amerika, so sucht man das nationale Selbstwertgefühl anzustacheln, ist am Ende des 20. Jahrhunderts nervös. In der "größten Nation, die jemals existiert hat", herrschen zu viele Zweifel. Die Menschen brauchen nach dem Ende des Kalten Kriegs wieder eine Orientierung, eine "Vision von morgen", die besseres als der Blick auf die Gegenwart anbietet. Die Amerikaner seien "eine Nation von Pionieren ohne neue Grenze. Es gibt keinen klaren äußeren Feind mehr, durch den sie sich organisieren könnten. Man sagt, die Geschichte wiederhole sich." Es sind, mit einem Wort, schlimme Zeiten.
Zu viele Menschen sehen die Zukunft verbaut. Es herrschen die Bilder einer untergehenden Kultur vor, die vor allem von zerfallenden Städte wie in "Blade Runner" besetzt werden. Arbeitslosigkeit, Armut, soziale Kämpfe, Rückzug ins Private, gesellschaftlicher Niedergang, Verminderung des Lebensstandards erzeugen Unsicherheit, Angst und Individualisierung. Die Nation bricht auseinander. Die "Space Frontier Foundation" hat eine Lösung: "Die USA muß die philosophische Dissonanz anerkennen, die zwischen dem herrscht, was die Nation im Weltraum tun sollte, und dem, was wir augenblicklich machen. Dann können wir unser falsch ausgerichtetes Weltraumprogramm in ein neues umformulieren, das mehr einbezieht, aufregender und für die Nation profitabler ist. Durch diese Veränderung können wir, die wir die Chance der Weltraumgrenze verstehen, Amerika ein neues Bild seiner Zukunft geben - einer hoffnungsvollen Zukunft, einer spannenden Zukunft, die unsere ganze Gesellschaft antreibt. Eine Zukunft von endlos sich erweiternden Optionen ..." Endlichkeit, gleich ob in Raum oder Zeit, ist offenbar nur schwer zu ertragen. Die Zukunft muß das Bild einer unendlich vorantreibenden Fortschrittslinie zeigen, sonst bricht alles zusammen, ähnlich wie dies beim kapitalistischen Markt ist, wenn er nicht weiter wächst. So wie in Kriegen gegen einen äußeren Feind die Nation zusammenwächst, soll die "Leere des Weltraums" wieder eine neue Gemeinschaft erzeugen, die alle einschließt.
Doch wie war das einst, als der Wilde Westen erschlossen wurde? Entstand dort eine neue Gemeinschaft? Gründete man einvernehmlich neue Städte, ohne andere zu unterdrücken? Aber die konkrete Geschichte, an die man anschließt, interessiert nicht. Im Vordergrund steht die Welle, die unter der hoffnungsvollen Parole "Go West" den Raum (und dessen Bewohner) kolonialisiert hat. "25 Jahre nach Lewis & Clark rollten Eisenbahnwagen in den Westen nach Oregon und brachten Schiffe Tausende von Pionieren zu den Küsten Kaliforniens ... 25 Jahre nach den Wright Brüdern konnten sich Menschen eine Flugticket kaufen und in einem Flugzeug fahren ... Aber 25 Jahre nach der Mondlandung sitzen wir noch immer herum und sehen alte Astronauten, die sich im Fernsehen an die guten, alten Tage erinnern." Es muß also endlich vorwärts gehen - in der Stimmung und im Raum. Die Ideologie des "sustainable development", auf die Erhaltung der Biosphäre gerichtet, lähme die Menschen, während es darum gehe, "ein neues Zeitalter der immer größer werdenden Hoffnung" zu schaffen. Hat man die Weltraumeroberung als Perspektive, die ja nur positiv ist weil der Weltraum unbesiedelt ist und man die irdische Biosphäre schont, so wird es "keine Frage mehr sein, wohin wir als Menschen gehen werden, welchen Platz wir in dem großen Bild einnehmen oder was wir als nächstes zu tun haben. Wir müssen nur unseren Blick auf die Tausenden von neuen Sternen richten, die sich am Nachthimmel verbreiten, um die Antwort zu finden. Und die Welt wird uns nachfolgen. Weil wir eine Nation von Pionieren sind, ist es unser neues Land. Und weil wir alle dazu fähig sind, ist es höchste Zeit, daß wir die Chance erhalten, das zu beweisen."
Aber wer steht im Weg? Der Staat, der den Zugang zum Weltraum behindert. Als pure Herrschaftsmaschinerie verstanden, nicht als Träger der demokratischen Verfahren und des sozialen Ausgleichs, kann er den Weg in die Zukunft nicht öffnen. Das können nur, gut kapitalistisch und individualistisch, die einzelnen mit ihrem Streben nach Glück und Profit - möglichst unreglementiert, der Weltraum eben als neuer Wilder Westen. Schließlich seien die Vereinigten Staaten ein Volk von freien Menschen, die vom Glauben zusammengeschweißt werden, daß "die Menschen gegenüber dem Staat Vorrang haben und daß die Individuen die Macht haben sollten, ungehindert vom Staat neuen Reichtum zu schaffen." Vorbild ist die Eroberung des Westen, die eben unter diesen Gesetzen oder fehlenden Gesetzen erfolgte.
Wie die typische, antistaatlich ausgerichtete und extreme Individualisierung mit der Hoffnung auf neue Gemeinschaftsbildung zusammengehen kann, wird von der Foundation nicht erörtert. Läßt man die Individuen und Firmen nur im Sinne des "großartigen Chaos des demokratisch freien Unternehmersystems" werkeln, dann wird allgemeiner Wohlstand, Freiheit für alle und ein besseres Leben möglich. Wie einst im Wilden Westen ist der einzige Transmissionsriemen das Geld: "Wenn es keinen Profit gibt, wird es kein neues Ziel geben."
Schluß Ähnlich wie die Propagandisten des Cyberspace verbindet die Foundation die Kolonialisierung des Weltraums mit der Individualisierung, die stets mit dem freien Markt des Kapitalismus und der Reduzierung des Staates identifiziert wird. Deregulierung ist die einzige Maxime des Glücks. Öffentlichkeit spielt keine Rolle, wenn sie kein Geld bringt. Die Individuen, die so geachtet werden, müssen sich durchsetzen und gewinnen, sonst sind sie verloren und dem Vergessen ebenso preisgegeben wie einst die Indianer. Freiheit heißt einzig, Freiheit des Marktes, also Konkurrenz. Utopien können in diesem für unsere Zeit paradigmatischen Amalgam nur darin bestehen, einen Weg nach vorne zu öffnen, aber nicht den Ort zu beschreiben, der dort entstehen soll, geschweige denn kollektive Regeln zu formulieren, wie er sozialverträglich eingerichtet werden soll. Zu stark ist der anti staatliche Effekt, die Ausrichtung auf die siegreichen Individuen, Gruppen und Gemeinschaften. Wie werden also die Städte und Kolonien im Weltraum und Cyberspace aussehen? Nicht anders als die in der realen Welt, die mehr und mehr von den gleichen Maximen des kapitalistischen Individualismus und der Deregulierung geprägt werden, wie die Freizeitparks, Disneyworlds und Einkaufszonen, wie die suburbanen Zonen, die sich um die alten Städte ausbreiten, ohne noch ein urbanes Leben zu bieten, wie der mehr und mehr kommerzialisierte und von privaten Organisationen geprägte Cyberspace mit seinen Intranets und Gebührenzonen, kurz: wie Mike Davis und andere die Zukunft unserer Städte beschreiben, die unter dem Druck der multinational agierenden Unternehmen und der neuen virtuellen Klasse in Segmente, Zitadellen und "Scanscapes" auseinanderbrechen. "Scanscapes" sind für Mike Davis geschützte Zonen, Vorbilder all der Biosphären und Weltraumkolonien, die homogenen Gemeinschaften als Standort dienen und bei denen jeder Schritt überwacht wird, um fremden Eindringlingen keine Chancen zu bieten. Verbinden sind sie über den Cyberspace oder durch Schnellstraßen, Hochgeschwindigkeitszüge und Flugplätze.
Der über Jahre hinweg meistgesuchte Terrorist der USA, den man Unabomber nannte und der selbst unter dem Pseudonym einer Gruppe namens "FC" auftrat, wurde am 3. April, durch seinen Bruder an die Polizei verraten, festgenommen. Zumindest ist das FBI ziemlich sicher, mit dem ehemaligen Mathematikprofessor Theodore J. Kaczynsky den richtigen erwischt zu haben, der seit 1978 16 Briefbomben deponiert und damit drei Menschen getötet und 23 verletzt hatte. Meist kamen die Opfer aus dem Umkreis von Universitäten wie David Gelernter von der Yale University oder hatten mit Fluggesellschaften zu tun, weswegen man ihn auch Unabomber taufte.
Aufgespürt hatte man ihn in einer kleinen Holzhütte in den einsamen Rocky Mountains von Montana, wo er seit vielen Jahren, ähnlich wie Thoreau, das große amerikanische Vorbild der staatsunabhängigen, naturbezogenen und nach Autonomie strebenden intellektuellen Pioniere, zurückgezogen lebte. Alleine und im Selbstauftrag, ganz von seiner Mission erfüllt, zog er wie ein Westernheld oder Rambo aus, um gegen das Böse zu kämpfen: gegen den Staat, die Technik, die Wissenschaft, den Kommerz, kurz: die naturferne Lebensweise der Industriegesellschaft, die droht, ihre eigenen Lebensgrundlagen und irgendwie auch die Freiheit der Menschen zu vernichten.
Aufsehen erregte seine Forderung im letzten Jahr, daß große Zeitungen ein langes von ihm verfaßtes Manifest mit dem Titel Die Industriegesellschaft und ihre Zukunft abdrucken sollten, wobei er versprach, dann zumindest die Attentate auf Menschen einzustellen. Die Zeitschrift Penthouse wollte dem Unabomber als Kompensation gleich eine monatliche Kolumne zur Verfügung stellen. Aber Penthouse war ihm zu wenig seriös oder zu wenig verbreitet. Er drohte mit einem weiteren Attentat, bis schließlich die Times und die Washington Post eine gekürzte Fassung abdruckten. Irgendwie schien der Unabomber durch den blutigen Anschlag von rechtsgerichteten Desperados am 19.4.1995 in Oklahoma City, der 168 Todesopfer gefordert hatte, verwirrt worden zu sein. Plötzlich richtete sich das öffentliche Interesse nicht mehr auf ihn, und der anti-staatlich motivierte Terrorismus der Rechten verfolgte zumindest oberflächlich ähnliche Ziele wie der selbsternannte Retter der Menschen vor der entfremdenden Industriegesellschaft. Er sei ärgerlich, schrieb er, als er nach seinem Motiv gefragt wurde, den Terror aufzuhören: "Wir bedauern zutiefst die Art des willkürlichen Gemetzels", teilte er der Times mit, "das sich durch den Vorfall in Oklahoma City ereignete."
Diese Geschichte ist auch hier mittlerweile bekannt, sein Manifest jedoch weniger oder gar nicht. Gelesen und diskutiert hatte man es in Amerika vor allem deswegen, weil er durch seine Taten die Aufmerksamkeit der Medien fand. Die "Propaganda der Tat" ist ein altes anarchistisches Konzept, das wie die Anarchisten selbst mit dem Massenmedium Zeitung entstand. Und der Unabomber machte von ihr explizit und in klaren Worten Gebrauch, weil er der sicher richtigen Meinung war, daß es für die "meisten Individuen und kleinen Gruppen nahezu unmöglich sei, in der Gesellschaft nur durch Worte Aufsehen" zu erregen: "Um unsere Botschaft mit einer gewissen Chance, einen dauerhaften Eindruck hervorzurufen, zur Öffentlichkeit zu bringen, mußten wir Menschen töten."
Der Unabomber in den Medien
Als absoluter und puristischer Einzelgänger, der sich durch sein Eremitendasein aus der Welt des Erfolgs und Konsums freiwillig entfernte, gilt er als zwar kluger, aber doch verschrobener Spinner, der sich gegen das aufzulehnen sucht, was wir offenbar selbstverständlich hinnehmen sollen. "Wirr" seien seine Thesen, mit denen er dazu aufrief, die Industriegesellschaft zu zerstören, bemerkte etwa der SPIEGEL: "Im abstrakten Stil einer Oberseminararbeit beschrieb da einer den Dämon angeblich nicht mehr zu bändigender Technik." Als "verrückter Prophet und kaltblütiger Mörder zugleich", als "kopflastiger Sonderling" wird er beschrieben, der in seiner Hütte zwar äußerst primitiv lebte, aber "Regale voller Bücher" besaß. People fragt - man kennt das von der hiesigen Terroristendiskussion - erstaunt: "Wie konnte ein brillianter junger Mensch mit all seinen Chancen - eine unterstützende Familie, eine gute Kindheit, eine Ivy League Ausbildung - zu einem Massenmörder werden?"
Ein WIRED-Autor sieht in ihm lediglich die Gier, Berühmtheit und damit Aufmerksamkeit als "Massenmörder" zu erlangen. "Nicht vernetzt und ungewaschen" - eine seltsame Kombination - sei er gewesen: ein "mountain man", der an die Stelle des "drogenverwirrten Manson als unser Monster des digitalen Zeitalters" getreten sei. Schließlich werde ihn, so der Autor genüßlich, eben jene Technik überführen, die er so verdammt hat, wenn man seine genetische Identität aus dem Speichel, der auf den Briefmarken seiner Botschaften sich befinde, nachweisen könne. WIRED sieht im Unabomber sowieso nur ein "altes Denken" mit einer "alten Technologie", womit man natürlich nichts zu tun haben will, weil man sich stets auf der Überholspur befindet.
Andere coole Netz- und High-Tech-Enthusiasten, die sich nichts kaputtmachen lassen wollen, lästern über sein langweiliges Anarchogeschwätz. Weil niemand ihm zuhörte, so die Schlußfolgerung, begann er die Manager und Professoren mit seinen selbstgebastelten Bomben heimzusuchen, um "sein lächerliches Manuskript den unschuldigen Medienkonsumenten aufzuzwingen und sich ganz allgemein seinen Weg ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu bomben." Und überhaupt ist man genervt: "Es ist schon so weit gekommen, daß man nicht zu einer Party gehen oder in einer Bar sein kann, ohne daß irgendwelche langweiligen "Neo-Ludditen" einen mit seiner Zielfernrohrphilosophie der Übel der Technologie überschütten. Je nachdem, wieviel Alkohol man bereits getrunken hat, kann man über diese Typen ein- oder zweimal lachen, aber nach einer gewissen Zeit wird es hart, ihrem allzu allgemein zusammengeschusterten Angriff aus historischer Unkenntnis und zirkulärer Logik standzuhalten. Die Anarchisten und ihre zurückgebliebenen Hillbilly-Cousins, die Neo-Ludditen, können eine fundamentale menschliche Wahrheit nicht verstehen: Die Menschen ziehen MTV der Lepra vor." Überdies brauche der Unabomber uns nicht vor den Übeln des Cyberkapitalismus zu warnen: "As if we didn't already know, buddy."
Cyberkultur und Zivilisationskritik
Sicher, der Unabomber hat sich erst durch seine verwerfliche, von ihm schlicht als notwendig apostrophierte "Propaganda der Tat" in die öffentliche Aufmerksamkeit gedrängt, doch sein Manifest ist nicht verwirrter als Äußerungen anderer Menschen und seine Endzeitstimmung trifft den Nerv von vielen.
Abnormale Bedingungen unserer modernen Industriegesellschaft sind unter anderem eine extrem hohe Bevölkerungsdichte, die Isolation des Menschen von der Natur, die exzessive Beschleunigung des gesellschaftlichen Wandels und der Zusammenbruch der natürlichen kleinen Gemeinschaften wie die Großfamilie, das Dorf oder der Stamm. Seine Kritik richtet sich gegen die Komplexität einer Gesellschaft, die durch die Technologie immer globaler und unkontrollierbarer wird, weil damit gleichzeitig, trotz aller Mythen von der Dezentralisierung durch den Cyberspace, ein Prozeß der politischen und wirtschaftlichen Konzentration einhergeht. Was hierzulande etwa von Ulrich Beck unter dem Titel der Risikogesellschaft als organisierte Unverantwortlichkeit formuliert wurde, hat der Unabomber ganz ähnlich zum Ausdruck gebracht, nur daß er daraus die Konsequenz eines Rückzugs aus dem Staat und der Technik zieht, um dem Individuum wieder die Möglichkeit der Autonomie zu verleihen, wie sie die Menschen vor der Industriegesellschaft, organisiert in kleinen Gemeinschaften, noch gehabt haben sollen.
Was uns ein Gefühl der Sicherheit gibt, ist nicht eine objektive Scherheit, sondern das Vertrauen in unsere Fähigkeit, für uns selbst zu sorgen. Der primitive Mensch kann, bedroht durch wilde Tiere oder Hunger, sich selbst verteidigen oder nach Essen suchen. Über den Erfolg seiner Tätigkeiten hat er keine Gewißheit, aber er ist keineswegs hilflos den Bedrohungen ausgeliefert. Das moderne Individuum wird andererseits von vielem bedroht, gegenüber dem er hilflos ist. Unfälle bei Kernkraftwerken, Karzinogene im Essen, Umweltverschmutzung, Krieg, steigende Steuern, das Eindringen von großen Organisationen in sein Privatleben oder landesweite soziale oder wirtschaftliche Phänomene, die in seine Lebensweise eingreifen.
Der Unabomber zieht aus seinem Unbehagen an der High-Tech-Welt in Form eines Kurzschlusses einfache Regeln. Revolution anstatt Reform, Ausstieg anstatt Anpassung. Komplexitätsreduktion durch die Flucht in eine Welt vor der Technik, durch eine Glorifizierung der Welt vor dem technischen Sündenfall, ohne allerdings näher auszuführen, mit welcher Technik dieser einsetzt. Subtiler, aber im Kern nicht anders kritisiert etwa Neil Postman das Technopol. Während jedoch der Unabomber vor allem den Verlust der Autonomie des einzelnen Menschen in den Vordergrund stellt und das Leben in kleinen Gemeinschaften feiert, will Postman den sozialen Kitt der Gemeinschaft wieder durch große Erzählungen mit ihren gesellschaftlichen Normen und Regeln herstellen, um den Menschen Orientierung zu geben und wieder eine Verbindlichkeit zu ermöglichen. Der Unabomber hat mit seinem Manifest wider die Industriegesellschaft, das er durch seine Anschläge in die Öffentlichkeit brachte, vielleicht einer steigenden, wenn auch diffusen Angst vor der scheinbar unaufhaltsam voranschreitenden und nicht mehr zu steuernden Dynamik technischen Fortschritts zu einem ersten Ausdruck verholfen. Diese Angst trifft heute auf den entschiedenen Widerstand der Industrie, der von der High-Tech abhängigen Bevölkerungsschicht und der Politiker, die einzig durch technische Aufrüstung glauben, den von ihnen vertretenen Standort retten zu können. In diese Zeit der Alternativenlosigkeit gegenüber dem technischen Fortschritt, aus dem in der globalen Ökonomie und Länderkonkurrenz unter der Prämisse der Bewahrung des Lebensstandards nicht auszusteigen ist und dem mehr und mehr die von einzelnen Ländern erreichten sozialen und ökologischen Errungenschaften weichen müssen, schlug das Manifest mit seiner radikalen Perspektive selbst wie eine Bombe ein.
Bedenklich aber stimmt, daß man mit der Figur des Unabomber sich von einer grundsätzlichen Kritik an unserer Gesellschaftsform überheben will, die in vielem nur die Umkehrung des Determinismus der Technophilen darstellt und ansonsten die weit verbreitete amerikanische Ideologie der Frontier und des einzelnen verinnert hat. Auch der Unabomber denkt nicht politisch und glaubt, die "alten" rechten und linken Positionen der Industriegesellschaft hinter sich gelassen zu haben, wenn nur die Technik abgeschafft wird, ähnlich wie die Technophilen meinen, daß durch die Technik, etwa durch die Computernetze, unmittelbar eine neue, direkte Demokratie entstehen wird, die auf das Prinzip der Repräsentation verzichten kann. Bei aller Kritikwürdigkeit der demokratischen Verfahren und trotz der Schwächung demokratischer Organe, die stets an ein Territorium gebunden sind, durch die Globalisierung, wiederholen Technophobe und Technophile, zumal wenn man bei ihnen anarchistischen und liberalistisches Gedankengut ein unlösbares Amalgam eingegangen ist, den Fehler der großen revolutionären Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Kritik am Staat, meist verbunden mit der an parlamentarischen Verfahren, und der Glaube, an ein übermächtiges System ausgeliefert zu sein, vereint trotz aller Differenzen Anarchisten, Kommunisten, Faschisten und Fundamentalisten jeder Art. Der Unabomber und die "kalifornische Ideologie".
Menschliches Verhalten muß verändert werden, um sich den Bedürfnissen des Systems anzupassen. Das hat nichts mit einer politischen oder gesellschaftlichen Ideologie zu tun, die das technologische System steuert. Es ist der Fehler der Technologie, weil das System nicht durch Ideologie, sondern durch technische Zwänge gesteuert wird ... Die Revolution, die wir uns vorstellen, schließt nicht notwendigerweise einen bewaffneten Aufstand gegen jede Regierung ein. Sie kann oder kann nicht von Gewalt begleitet werden, aber auf jeden Fall wird sie keine politische Revolution sein. Ihre Zentrum liegt in der Technik und der Wirtschaft, nicht in der Politik.
Ebenso wie der Unabomber stets beharrlich darauf hinweist, daß er nicht politisch oder sozial motiviert ist, sondern einzig die Technik für die Quelle alles Übels ansieht, ist es heute gang und gebe geworden, von einer Revolution der digitalen Technologie zu sprechen, die alles verändern werde und mit der man zurechtkommen müsse. Tauscht man das Leitbild der "wilden Natur" und des einfachen Lebens als Hoffnungschiffren gegen den Cyberspace und den mit ihm verbundenen Utopien aus, so bleibt kein großer Unterschied. Auch der Unabomber kommt aus der kalifornischen Szene der alten, in den 60er Jahren trotz hochgerüsteter Musik meist gegen die Technik eingestellter Hippies, die aus den Städten flüchteten und die ökologischen Konsequenzen der Industriegesellschaft kritisierten. Bald jedoch ist diese Szene in den Technorausch unter Weiterführung ihrer oft irrationalen Mystizismen abgekippt und hat dadurch ein anderes, nämlich positives Verhältnis zum Geld und zum Geschäft gefunden, mit dem sich auch die Industrie und die Konservativen à la Gingrich arrangieren konnten. Stets operiert man durch die krude Antinomie von Gesellschaft und Gemeinschaft, von Individuum und System - und glaubt, daß besonders die Struktur des verteilten Netzes der individuellen Freiheit einen neuen Schub geben könnte und daß sich dadurch ein Ausstieg aus der Komplexität der Massengesellschaft finden ließe.
Schon die psychedelische Szene der 60er Jahre mit ihrem Leitbild der Selbstverwirklichung sah in der Realität nur ein Konstrukt, das sich jeder Zeit beliebig durch Drogen oder Revolutionen verändern ließ. Nachdem psychedelische Drogen, Landleben, Kommunen, freie Liebe und Buckminster Fuller Dome sich als Sackgassen im Hinblick auf Gesellschaftsveränderung erwiesen haben, erschienen Computer plötzlich in einem anderen Licht und wurden zu einem neuen Weg in die Phantasiewelt, geprägt ebenso von anarchistischen Träumen des Ausstiegs wie von Ökotopia, Herr der Ringe und Science Fiction Szenarien. Nun erwartete man, wenn man nicht zu den Grünen konvertierte, letztlich eine mehr oder weniger gemäßigte Variante der Weltanschauung des Unabomber, die Revolution, wie Mark Dery süffisant in Escape Velocity anmerkt, nicht mehr aus der Aktivität von politischen Radikalen, sondern von den technologischen Durchbrüchen der kapitalistischen Visionäre, die ein kybernetisches Eden in Aussicht stellten. Schon die primitiven Computernetze ließen mit ihrer textbasierten Kommunikation die Bildung neuer Gemeinschaften und so einer Gegenkultur entstehen, wie sie beispielsweise Howard Rheingold in seinem Buch Virtuelle Gemeinschaften so rosig beschrieben hat.
Was auch immer geschehen mag, so ist gewiß, daß die Technologie für die Menschen eine neue materielle und soziale Umwelt schafft, die völlig verschieden von derjenigen ist, an die die natürliche Selektion den Menschen körperlich und geistig angepaßt hat. Wenn der Mensch dieser neuen Umwelt nicht durch eine künstliche ingenieursmäßige Transformation angepaßt wird, dann wird er es durch einen langen und schmerzvollen Prozeß der natürlichen Selektion. Doch ersteres ist viel wahrscheinlicher als letzteres. Es wäre besser, das ganze verfaulte System zu zerstören und die Konsequenzen zu ziehen.
Einig sind sich die linken und rechten Netzutopiker beim Kampf gegen jede staatliche Regulierung. "Demassifying" ist das Losungswort. Gemeinsam ist ihnen auch, daß sie die sozialen Folgen bei der Einrichtung der Informationsgesellschaft nicht diskutieren. Individuelle Freiheit und Freiheit der Meinungsäußerung verbinden sich mit der Freiheit des Marktes. Vom Staat als einer Solidargemeinschaft, die den wirtschaftlichen Liberalismus kompensiert und den sozialen Frieden durch Ausgleich zu wahren versucht, hat man sich abgelöst. Richard Barbrook und James Cameron nennen diese seltsame, auch schon in Europa verbreitete Haltung der neuen virtuellen Klasse die kalifornische Ideologie.
Über die Verurteilung des Unabombers will man nicht nur die allgemeine Kritik an der Informationsgesellschaft lächerlich machen, sondern man führt auch einen Prozeß gegen die linken Intellektuellen und gegen die eigene Verwurzelung in der Szene der 60er Jahre, aus der einzig die Suche nach Selbstverwirklichung und Fun zusammen mit dem Glauben, Avantgarde und Gegenkultur zu sein, übrigblieben. Die schillernde und romantisierte Figur des Hackers, der an der technologischen Front steht und unerschrocken in die abgeschlossenen Bereiche der Macht eindringt, um die Information frei zirkulieren zu lassen, ist Vorläufer der Cyberpunks und der "virtuellen Klasse" der hochbezahlten Spezialisten und High-Tech-Firmengründer. Verabscheuen Sie Computer? Ärgert Sie die fortgeschrittene Industriegesellschaft zutiefst? Suchen Sie einen Fahrradweg auf dem Information Superhighway? Luddites On-Line ist der einzige Ort im Cyberspace, der ausschließlich den Ludditen, Technophoben und anderen Flüchtlingen der Informationsrevolution gewidmet ist. (Luddites On-Line)
Aber der Unabomber hat mit seinem Manifest auch die Maschinenstürmer wieder stärker ins Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit geholt. Im Internet sei, so die New York Times, der Unabomber bereits ein Star. Pathfinder hat eine Page für den Unabomber eingerichtet. Man kann erwarten, daß mit der Durchsetzung der Informationsgesellschaft und ihren teilweise verheerenden Folgen - duale Stadt, Arbeitslosigkeit, Verarmung von breiten Gesellschaftsschichten, zunehmende wirtschaftliche Konzentration etc. - auch der Widerstand gegen die virtuelle Klasse und gegen die Technologie, den technologischen Fortschritt und die technischen Utopien wächst. Selbst im Netz breitet sich die neue Stimmung aus, geht es um die Ludditen, bilden sich Fangruppen und ist sogar eine ironisch-anarchistische Bewegung entstanden, die den Unabomber als Präsidentschaftskandidaten nominieren will, um die Wahl zu karikieren, die nur eine Farce sei, weil das System zu mächtig ist, um anders verändert werden zu können.
Mit den Boys wie Clinton, Gingrich, Powell, Perot, Forbes, Dole, Gramm, Lugar, Alexander, Dornan, Keys etc. Ist nichts anzufangen: Kann man sich überhaupt einen Kandidaten, eine Wahl oder eine Debatte vorstellen, die die wirklichen Fragen behandeln? Der Unabomber hat wenigstens eine Vision, er würde, wenn gewählt, nicht Präsident werden und die Diskussion seiner Thesen hätte immerhin Unterhaltungswert. Und überhaupt ist er vertrauenswürdig.
Die vom Unabomber gebrauchte Gewalt sollte ihn nicht für die Reflexion disqualifizieren. Seine Bereitschaft und seine Fähigkeit, Gewalt effektiv einzusetzen, um strategische politische Ziele zu erreichen, zeigen nur die entscheidenden Qualifikationen für einen Präsidenten. Schließlich ist Colin Powells EINZIGE Qualifikation seine Leistung als guter Killer. Niemand hat ihn einen Massenmörder genannt oder gesagt, er sehne sich nach Aufmerksamkeit. Keiner der Präsidentschaftskandidaten hat den Genozid des Golfkrieges verurteilt. ... Berufliche verursachte Tode und Krankheiten ... Gewalt? Tod durch Krebs, verursacht durch Toxine in der Luft, im Essen und am Arbeitsplatz ... Gewalt? Ein Mindestlohn, der weit unter der Armutsgrenze liegt, mit Hunger, Stress, Krankheit und frühem Tod als Folgen ... Gewalt? In den Medien wurde gerade die Rechtfertigung für den Bombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki wieder ausgearbeitet ... Gewalt? Terror?
Und ein Geschäft will man auch mit dem Unabomber auf dem schnell vergänglichen Aufmerksamkeitsmarkt machen. Schon stehen die ersten beiden Bücher über Theodore Kaczynsky in der Warteschleife. Bei Pocket Books wird der pensionierte FBI-Beamte John Douglas zusammen mit einem Ghostwriter das Buch "Unabomber: On the Trail of America's Most-Wanted Serial Killers" schreiben, das bereits Ende April erscheinen soll. Und Nancy Gibbs wird bei Warner Books ihr Buch "Mad Genius: The Odyssey, Pursuit, and Capture of the Suspected Unabomber" im Mai veröffentlichen.
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